28.11.2012

Mit Wasserstoff gegen den Funknetz-Kollaps

Pilotprojekt sichert Polizei-Kommunikation

Es ist der Angsttraum aller Polizisten, Feuerwehrleute und Notärzte: Das Stromnetz bricht zusammen und mit ihm der Funkverkehr. Notrufe kommen nicht mehr an, die Streifenwagen irren ohne Anbindung an die Zentrale durch die Gegend. Damit die Kommunikation unter den Rettern in Zukunft noch sicherer wird, haben am Montag Fachleute aus Behörden und Forschung am Polizeistandort Pirschheide ein bundesweites Pilotprojekt gestartet: „Blackouts“ im neuen Digitalfunk sollen künftig durch Notstromaggregate überbrückt werden, die ihren Saft aus Brennstoffzellen beziehen.

72 Stunden soll den Sicherheitsbehörden Strom zur Verfügung stehen, auch wenn die privaten Haushalte im Dunkeln sitzen. „Diese Spanne gibt uns die Möglichkeit, in einer realistischen Zeit auf Störungen zu reagieren“, sagt Jörg Vogler, Projektleiter bei der Landespolizei. Und das auch jenseits von Katastrophenszenarien. „Wenn am Freitagabend die reguläre Stromversorgung ausfällt, reicht es immer noch, die Anlage am Montag zu Geschäftszeiten reparieren zu lassen“, so Vogler. Die Polizei spare sich damit teure Wartungsverträge.

Ende 2013 sollen 116 Masten mit den Aggregaten ausgestattet sein – etwa der neue Turm in Plessow, jener in der Kohlhasenbrücker Straße oder die Anlage in Lehnin.

Die Technik für das 6,6 Millionen Euro teure Projekt nutzt physikalisch betrachtet die Knallgasreaktion, wie man sie aus dem Schulunterricht kennt. Treffen Wasserstoff und Sauerstoff aufeinander, entsteht Energie – und Wasser als Nebenprodukt.

Der Vorzug gegenüber den bislang üblichen Dieselgeneratoren besteht in der höheren Zuverlässigkeit und Wartungsfreundlichkeit. Dieselgeneratoren müssen einmal im Monat probehalber für rund eine Stunde gestartet werden. Macht bei mehr als 130 Funkmasten im Land ordentlich Arbeit, zumal die Anfahrt des Wartungsteams zu den Masten meist weit ist. Diesel flockt bei Kälte außerdem aus – zumal bei neuerdings beigemengtem Biosprit-Anteil. So kommt es nicht selten vor, dass die Generatoren nur spotzend und stotternd anspringen. Hingegen ist die Brennstoffzelle, da sie keine mechanisch beweglichen Teile enthält, weniger anfällig, kann sogar per Fernsteuerung gewartet werden.

Im Prinzip jedenfalls. Damit die Startphase unter Beobachtung steht, ist die Technische Hochschule Wildau mit dabei. Auf dem Campus steht eine „gläserne Anlage“, mit deren Hilfe die Studenten in Sachen Brennstofftechnik geschult werden. Wolfgang Axthammer von der Nationalen Organisation Wasserstoff- und Brennzellentechnologie – sie leistet fachlichen Rat – ist begeistert, dass die Polizei dieses bislang größte derartige Referenzprojekt in Deutschland zulässt: „Es ist eine Schlüsseltechnologie für die deutsche Industrie, auch für den Weltmarkt.“ Die Schwellenländer mit ihrem wachsenden Bedarf an stabilen Handy-Verbindungen bei gleichzeitig veralteten Stromnetzen seien potenzielle Märkte. Schon in Europa ist das Gefälle groß: In Portugal fällt der Strom fünfmal so oft aus wie in Deutschland. (uw)

Märkische Allgemeine, 28.11.2012

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